Kreuzfahrt zum Polarkreis

 

Großstadt, Gletscher und Geysire

Die nördlichste Hauptstadt der Welt ist – an internationalen Maßstäben gemessen – höchstens eine größere Kleinstadt als eine Metropole. Dennoch verfügt Reykjavik (isl. Raubucht) über die Vielseitigkeit, Kreativität und das kulturelle Angebot und Nachtleben einer Weltstadt. Etwa zwei Drittel aller Isländer leben hier (Großraum 200.000). Auf den ersten Blick wirkt die Stadt modern und dank der vielfarbigen Dächer sehr bunt, aber auch sehr amerikanisch. Besucher die der Natur wegen hierher kommen treffen sich auf der sog. Golden Circle-Route, die östlich von Reykjavik, kulturhistorische Stätten und atemberaubende Natur in einer Tagestour vereint.

Die Golden Circle-Tour (isl. Gullni hringurinn) startet um 08:15 Uhr bei kaltem Wind und Dauerregen. Für die 250-km-Rundfahrt benötigt man etwa acht Stunden. Reykjavik wird in nordöstliche Richtung verlassen und nach rund rund 40 km erreicht man das erste Ziel der Rundreise den Pingvellir-Nationalpark.

Dies ist ein Ort von außergewöhnlicher Bedeutung. Nirgendwo sonst auf der Erde ist das Auseinanderdriften zweiter Kontinentalplatten so offensichtlich erkennbar wie hier. Über dem tektonischen Bruch, der Driftzone der amerikanischen und eurasischen Kontinentalplatte, markiert eine Senke das Zentrum des Nationalparks. Etwa 8 mm entfernen sich die beiden Platten pro Jahr voneinander. Das historische Pingvellir, das Thingfeld, liegt im Westen des Nationalparks und gehört seit 2004 zum UNESCO Weltkulturerbe.

930 n Chr. trafen sich an diesem Ort die freien Männer Islands zur nationalen Thingversammlung (Althing) und legten damit den Grundstein für die moderne parlamentarische Versammlung. Bis zu 4.000 Menschen versammelten sich einmal im Jahr zu Mittsommer um Gesetze zu beschließen und Streitereien zu schlichten. Bis zum Jahr 1798 kam diese Volksversammlung zusammen bevor die Dänen diese auflösten.

Das Wetter lädt nicht gerade zu Verweilen ein, daher geht es auf der Straße 35 weiter Richtung Gullfoss und Geysir. Getreu der Divise: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung“ wagen wir uns – mit wetterfester Kleidung, Schuhen und einem Regenschirm ausgestattet – aus dem Bus um dem isländischen Sommer gebührend entgegenzutreten. Einige Passagiere verzichten auf dieses Spektakel und bleiben lieber im Trockenen. Zu Fuß geht es über einen unbefestigten Weg hinunter zum Gullfoss (isl. gull = Gold, foss = Wasserfall). Der Wasserfall liegt eingebettet in grüne Hügel und stürzt über zwei Stufen von 11 m und 21 m Höhe in eine Schlucht. Wer möchte kann den Wassermassen ziemlich nah kommen. In den Sommermonaten donnern durchschnittlich 130 m3 Wasser pro Sekunde den Fall hinab. Heute donnern auch noch zusätzliche Wassermassen vom Himmel. Gepaart mit heftigen Windstößen und dem Totalverlust eines Regenschirms kehren wir nach 5 Min. Besichtigungstour völlig durchnässt zum Bus zurück. Am Gullfoss befindet der Wendepunkt der Golden Circle-Route. Zurück in westlicher Richtung kommt man zu Islands bekanntestem Geothermalgebiet Haukadalur, meist nur unter dem Namen seiner Quelle bekannt: Geysir. Abgeleitet vom altwestnordischen Wort für „hervorschießen“, wurde dieser Eigenname zum Gattungsbegriff für Springquellen in aller Welt.

Stórigeysir ist der größte der Geysire und schickt mit Abständen von 30 Min. bis zu einem Jahr Wassersäulen von bis zu 60 m in die Höhe. Im Thermalfeld gibt es jedoch noch zahlreiche andere, kleinere Geysire und Quellen von denen einige vor sich hin brodeln andere nur lauwarme Wasserpfützen sind. Vorsicht ist jedoch überall geboten denn einige sind ziemlich heiß. Wie aktiv diese junge Erde ist sieht und riecht man hier überall. Aus dem Boden entweichen Gase und Dämpfe steigen durch das Lavagestein auf.

Die Popularität dieser Sehenswürdigkeit zieht jährlich unzählige Besucher an, daher überrascht es kaum, dass sich hier Restaurants, ein Souvenirshop und Hotels und ein Campingplatz angesiedelt haben.

Zurück auf dem Schiff, entledigen wir uns der durchnässten Kleidung und brechen noch zu einer kleinen Erkundungstour in die Isländische Metropole auf. Ein kostenloser Busshuttle bring uns zum Hafen, wo das neue Wahrzeichen Reykjaviks schon auf unseren Besuch wartet.   Das Konzerthaus Harpa wurde vom renommierten Kopenhagener Architekturbüro Henning Larson entworfen. Spektakulär ist aber vor allem die Glasfassade des isländischen Lichtkünstlers Olafur Eliasson, bei dessen Entwurf er sich von den vielen Lichtstimmungen seiner Heimatinsel inspirieren lies. Das Farbeffektglas der 956 Glasbausteinen reagiert auf wechselnde Tageslichtfarben und ändert je nach Witterung und Blickwinkel die Farbe des Glases.

Geld schien beim Bau des Prestigeobjektes Anfang der 2000er Jahre keine Rolle zu spielen. Reykjavik´s Banken und Wirtschaftssektoren florierten und keiner rechnete damit, dass über Nacht alles vorbei sein könnte. Doch die Bauruine Harpa wollten die Isländer nicht täglich als Symbol ihres Bankrotts vor Augen haben und beschlossen diesen in einer kostengünstigen Variante fertigzustellen.

Die Ausführung nach dem Zusammenbruch war jedoch schwierig. „Harpa“ heißt auf isländisch nicht nur Harfe, sondern bezeichnet auch den ersten Frühlingsmonat im nordischen Kalender. Der Name steht also auch als Synonym für einen Neuanfang. 2011 erfolgte die Fertigstellung und wurde mit dem World Architecture Award ausgezeichnet – zu Recht. Der Eintritt ist frei. Nach soviel Naturspektakel ist uns nach einem Bummel durch die Altstadt und entlang der Einkaufsstraße Austurstaeti (dt. Oststraße) zur Hallgrimskirkja.

Zwischen Hafen und Tjörnin findet man noch kleine, verwinkelte Gassen und Häuser aus dem Kindertagen der Stadt. Hier stößt man auf Institutionen der Café-, Kneipen- und Restaurantszene und findet kleine Läden mit Kunsthandwerk und jede Menge Shops die Wander- und Funktionskleidung anbieten. Auf einem Hügel am Ende der Straße erhebt sich der imposante Bau der Hallgrimskirkja. Ihre dynamische Architektur verleiht der Stadt ein markantes Profil. Vor der Kirche steht die in Bronzefigur des angeblich ersten Amerikaentdeckers Leifur Eriksson, welche 1930 als Geschenk der USA zum 1.000. Jahrestag der Gründung des Althing nach Island kam. Einen schönen Blick über die Stadt und den Hafen bietet die Aussichtsplattform auf dem 75 m hohen Kirchturm.

Auf dem Heimweg investieren wir unsere letzten isländischen Kronen (ISK) in die besten Lobsterbrötchen unseres Lebens! Vertu saell Reykjavik!

2 Antworten auf „Kreuzfahrt zum Polarkreis“

  1. Wow, cooler Bericht (im wahrsten Sinne des Wortes) und wunderschöne Bilder. Endlich mal keine so larifari-schnell-schnell Berichte. Das sieht nach viel Arbeit aus. Bin echt begeistert!! Wann gibts mehr davon?

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