Kreuzfahrt zum Polarkreis

 

Whale watching am Polarkreis

Heute morgen gegen 04:30 Uhr herrscht aufgeregtes Treiben an Bord. Ein denkwürdiger Augenblick erwartet die Passagiere der Queen Victoria in den frühen Morgenstunden. Nahe der Insel Grimsey überqueren wir bei 66° 33´ 55´´nördlicher und südlicher Breite den Polarkreis. Hier lässt sich das Phänomen der echten Mitternachtssonne beobachten. Am Tag der Sommersonnenwende (21. Juni) geht die Sonne nicht auf- bzw. unter. Mathematisch trennt sich hier die Polarzone von der gemäßigten Zone.

Für uns Besucher wirken diese hellen, nordischen Sommernächte fast wie eine Droge. Die Verschmelzung von Tag und Nacht zu einer Einheit, die Stille der Nacht im Licht der Mitternachtssonne und fantastische Lichtstimmungen machen dies zu einem unvergesslichen Naturschauspiel.  Auch im 21. Jh. ist eine Reise in diese Breitengrade immer noch ein ganz besonderes Erlebnis.

Der Wind hat letzte Nacht aufgefrischt und am Horizont sind bereits die ersten schneebedeckten Hügel Islands zu erkennen. Es ist, gelinde ausgedrückt, eiskalt und von „Sommer“ kann überhaupt keine Rede sein – die Nähe zum Polarkreis macht sich deutlich in der Außentemperatur bemerkbar. Willkommen im arktischen Sommer, willkommen in Island!

Akureyri liegt am Ende des Eyjafjördus-Fjord, eingerahmt von steilen, schneebedeckten Hängen mit vielfach gestuften Schichten aus Basalt und Schlacke. Die Gletscher der letzten Eiszeit haben tiefe Kerben in die Küstenlinie geschlagen und Fjordlandschaften wie aus dem Bilderbuch geschaffen. Auch wenn die Zeiten, als Feuer und Lava diese Landschaft formten, schon etwas länger zurückliegen, so lässt sich der vulkanische Ursprung an vielen Stellen beobachten. Es dampft und zischt an vielen Stellen. Blubbernde Schlammtöpfe und bizarre Vulkane, Pseudokrater und schwarze Lavafelder wechseln sich mit grünen Moosteppichen ab. Island hat aber auch ein liebliches Gesicht. Die schmalen Küstenstreifen und einige Täler überraschen mit sattgrünen Wiesen und blühenden Landschaften.

Hauptstadt des Nordens hat – im Vergleich zur restlichen Insel – ein außergewöhnlich mildes und regenarmes Klima und überrascht mit üppiger Vegetation. Das war wohl auch der Grund als sich im 9. Jh. Helgi der Magere mit seinem Gefolge hier niederließ und seine Ansiedlung Kristnes nannte. Eine Statue am Ende der Brekkugata erinnert an die ersten Siedler die sich hier niederließen. Auch wenn Akureyri die zweitgrößte Stadt Islands ist, lässt sich diese gut zu Fuß erkunden. Das Wahrzeichen liegt weithin sichtbar auf einem Hügel inmitten der Stadt. Die Kathedrale mit ihren hohen Türmen wurde in den 1940er Jahren vom isländischen Architekten Gudjon Samuelsson entworfen. Bemerkenswert sind die 400 Jahre alten Kirchenfenster die aus der zerstörten Kathedrale von Coventry / England stammen und ihren Weg im Zweiten Weltkrieg hierher fanden.

Die Hauptachse des Ortes bildet die Hafnarstaeti. Im südlichen Teil prägen farbenfrohe Holzhäuser das Bild, einige davon sind rund 100 Jahre alt. Im nördlichen Teil der Straße befindet sich eine Fußgängerzone und das Geschäftszentrum. Zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants und Cafés sind hier angesiedelt. Gelegenheit für einen authentischen Schnappschuss mit einem Troll oder einem lebensgroßen Eisbären bietet sich den Besuchern vor der Touristeninformation. 

Der Eyjafjördus-Fjord liegt auf einer wichtigen Wanderroute für Wale und unzählige Vogelarten. Geschützt durch die umliegenden Hänge ist die Bucht ein idealer Platz um wilde Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten. Für heute Nachmittag haben wir uns zu einer Whale Watching Tour angemeldet. Olaf(our), seines Zeichens Meeresbiologe und begeisterter Walbeobachter, ist heute unsere Spürnase und wird mit uns auf Walbeobachtung gehen. Es gibt natürlich keine Erfolgsgarantie – schlimmstenfalls schippern wir 4 Stunden bei 6° C durch den Fjord und sehen außer Landschaft gar nichts für unsere 60$.

Die Hobby-Walbeobachter nehmen an Deck eines ausrangierten Fischkutters platz während einige eifrige Hobbyfotografen sich schon an der Reling postieren um den perfekten Schnappschuss nicht zu verpassen. Wir fahren Richtung Norden und das offene Meer und erfahren jede Menge wissenswertes über Lebensraum und Gewohnheiten der Wale. Olaf liegt mit dem Fernglas auf der Lauer, doch es ist kein Wal in Sicht. Wir bekommen von Ihm ein Zeichen sobald er etwas erspäht. Durch die Ansage der Uhrzeit signalisiert Olaf und in welcher Richtung sich der Wal befindet. Also wenn es heißt: „Wal auf 2 Uhr!“ schauen alle nach rechts vorne. Wir üben dieses Manöver einige Male, aber leider nur mit fiktivem Wal. Langsam wird es frisch an Deck. Der Platz rund um den Schornstein wärmt ein wenig während alle immer noch gebannt auf die ruhige See starren. Doch plötzlich, wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, erscheint auf „9 Uhr“ eine Rückenflosse. Aber bis sich alle von steuerbord nach backbord begeben hatten war der Wal auch schon wieder untergetaucht. Es dauerte einige Minuten bis er an einer anderen Stelle wieder auftauchte und mit einer kleinen Fontaine bei uns für große Begeisterung sorgte.

Ohne Zweifel, es musste sich um einen Buckelwal handeln der im Fjord auf der Suche nach Nahrung war. Wir waren alle wie elektrisiert und starrten gebannt auf die Oberfläche des Meeres. Es erwies sich als äußerst schwierig im richtigen Moment, in die richtige Richtung zu blicken und gleichzeitig auf den Auslöser des Fotoapparates zu drücken. Meistens stand man gerade da wo der Wal nicht auftauchte – Geduld hieß also das Gebot der Stunde. Wir folgten dem Wal kreuz und quer durch die Bucht und Olaf meinte begeistert: „What an active whale!“. Wer auf eine dieser spektakulären Aufnahmen „Wal beim Sprung“ oder „Wal an Boot“ etc. hoffte musste sich von diesem Gedanken schnell verabschieden. Mehr als die Rücken- oder Schwanzflosse des Wales bekam man nicht zu Gesicht.

Nach 2,5 Stunden hatte dann auch wirklich Jeder der Teilnehmer ein brauchbares Erinnerungsfoto im Kasten und wir machten uns – leicht durchgefroren aber zufrieden – auf den Weg zurück nach Akureyri. Böse Zungen behaupten im Nachhinein, dass „Olaf´s Freund Erik“ im Walkostüm eine Showeinlage für uns inszeniert hat – SMILE!! Wir werden es wohl nie herausfinden …

Aus dem Erlösen der Whale Watching Touren werden Forschungsprojekte finanziert die dem Schutz der Tiere zu Gute kommen. Neben dem Erlebnisfaktor bewirkt man auch noch gutes für den Tier- und Artenschutz.


2 Antworten auf „Kreuzfahrt zum Polarkreis“

  1. Wow, cooler Bericht (im wahrsten Sinne des Wortes) und wunderschöne Bilder. Endlich mal keine so larifari-schnell-schnell Berichte. Das sieht nach viel Arbeit aus. Bin echt begeistert!! Wann gibts mehr davon?

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