Genuss bis in den Ruin – Vom ausschweifenden Leben der Grafen von Montfort

Wo heute der Homo-Schwabicus gestreng der Devise „G´spart isch verdient“ lebt, gaben sich einst die Grafen Montfort einem luxuriösen und ausschweifenden Leben hin. Der majestätischen Barockbau des Neuen Schlosses Tettnang fasziniert seine Besucher nicht nur mit prunkvoll ausgestatteten Räumen und einem herrlichen Blick über den Bodensee, es erzählt auch spannende Geschichten vom verschwenderischen Leben der Adelsfamilie.

Das kleine aber feine „Städtle“ Tettnang liegt eingebettet in die sanften Hügel des Württembergischen Allgäu. Umgeben von weitläufigen Obst- und Hopfengärten wusste man hier schon immer die reichhaltigen Gaben der Natur zu schätzen. Mit knackigem Obst, Brot aus der Naturbäckerei oder Bierspezialitäten aus dem weltberühmten Tettnanger-Aroma-Hopfen, lockt die Schlemmer- und Genussregion jedes Jahr unzählige Besucher an.

„Von Tisch und Tafel“ lautet auch das aktuelle Jahresmotto im Neuen Schloss Tettnang. Neben der Möglichkeit einen Blick hinter die barocken Mauern des Herrenhauses zu werfen, wird in vielen Sonderveranstaltungen den Besuchern der gräfliche Alltag näher gebracht, fürstlich gedeckte Tafeln zur Schau gestellt oder Einblicke in alte Rezeptbücher gewährt. Denn anno dazumal gehörte nicht nur ein repräsentatives Schloss mit prunkvollen Räumen zur Prachtentfaltung der Grafen, auch reich gedeckte und geschmückte Festtafeln, feines Porzellan und importierte exotische Delikatessen wie Zitronen, Austern, Kaffee und Schokolade sollten den hohen Rang der vornehmen Gesellschaft demonstrieren. Es gehörte zum guten Ton, sich seinem Stand entsprechend zu präsentieren. Nicht allzu selten endete dieser überschwängliche Lebensstil mit dem Bankrott der Schlossherren.

Unter keinem guten Stern entstand Anfang des 18. Jh. der imposante vierflügelige Bau, den Graf Anton III. von Montfort anstelle der abgebrannten Tettnanger Burg in Auftrag gab. Viel Geld wurde in den Ausbau des Herrschaftssitzes investiert, bis schließlich nach 15-jähriger Bauzeit die Arbeiten mangels Kapital eingestellt werden mussten. Zu allem Unglück wurde das Schloss 1753 von einem verheerenden Feuer heimgesucht und brannte bis auf die Erdgeschossgewölbe nieder.

Die Grafen wollten das Schloss nicht aufgeben und so veranlasste Graf Franz Xaver den Wiederaufbau. Er beauftragte die besten Kunsthandwerker der Bodenseeregion für den Ausbau. Doch auch diesmal waren die Mittel knapp und so konnten nur die Treppenhäuser und die Räume der Belle Etage (1. OG) prunkvoll ausgestattet.

Schon beim betreten der Korridore und Treppenhäuser fallen die exquisiten Stuckaturen von Joseph Anton Feuchtmayer (1696-1770) und Andreas Moosbrugger (1722-1787) ins Auge, die den Decken und Wänden eine opulente Plastizität und Tiefe verleihen. Feuchtmayer ist vielleicht durch die wunderbare Darstellung des „Honigschleckers“ in der Wallfahrtskirche Birnau / Bodensee ein Begriff.

Im östlichen Treppenhaus verschmelzen Stuckaturen und Deckenfresko zu einer harmonischen Einheit. Andreas Brugger malte 1765 das Kuppelfresko und stellte anhand der vier Jahreszeiten den landwirtschaftlichen Reichtum im Herrschaftsgebiet der Grafen von Montfort da.

Dass man sich zur damaligen Zeit auch mit der Darstellung des „Fahrenden Volkes“ beschäftigte war und ist bis heute eine Seltenheit, die im Vagantenkabinett auf eindrucksvolle Weise zur Geltung kommt. Neben den sog. Vaganten (Spielleute, Schausteller, Händler und Handwerker) ist auch eine Zitronenverkäuferin und eine Marketenderin mit Weinglas auf Portraits an den Wänden dargestellt. Ob der Graf einen besonderen Hang zum Volk hatte ist nicht gewiss. Belegt ist nur, dass der Graf am Dreikönigstag seine Untertanen zu Wein, Käse, Birnenbrot und Schweinefleisch einlud und dies aus der Busgeldkasse (der Caisse) bezahlte. Daher der Name „Tettnanger Caissemahl“.

Vom drohenden Bankrott zeugt auch das Holländische Kabinett. Die blau-weiß bemalten Fayencen aus Delft waren beliebt im Barock. Wer sich keine Fliesen leisten konnte, ließ Imitationen anfertigen um mit der Mode zu gehen und den schönen Schein zu waren.

Im zentralen Festsaal des Schlosses wird der Besucher von Bacchus, dem Gott des Weines und der Freude, empfangen. Er sitzt als plastische Figur auf einem Fass, das zugleich als Ofen diente und vom Nebenraum beheizt werden konnte – eine typisch barocke Täuschung. Mit dem Deckenfresko von Andreas Brugger haben sich die Grafen durch die unsterblichen Taten des Helden Herkules ein allegorisches Denkmal errichtet.

*Zitat aus „Die Gräfin feiert Geburtstag“  www.tisch-tafel-2018.de

Im Tafelzimmer, das von Franz Martin Kuens Deckengemälde „Göttermahl“ gekrönt wird, speiste die Gräfliche Familie im kleinen Kreis. Festessen für größere Gesellschaften wurden im Bacchussaal ausgerichtet.

Der Rundgang durch die Belle Etage endet schließlich in den Räumlichkeiten der Gräfin, die noch ein besonderes Highlight der Bakocken Stuckateurskunst bereithalten. Das Grüne Kabinett ist ein Raum, der den Garten ins Schloss holt. Feuchtmayer hat gründurchscheinenden Wände aus hintermaltem Glas mit einem weißen Spalier aus Stuck und Spiegelscherben überzogen. Man fühlt sich wie in einem funkelnden Gartenpavillon, in dem Mythen der römischen Götterwelt aus Gips und Kalk zum Leben erweckt werden.

Mit einem herrlichen Ausblick über den Bodensee und die Schweizer Berge verabschiedet sich die Crew von Mann über Bord vom heutigen Landgang und sagt Ade bis zum nächsten Mal.

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TIPP    Barock mit allen Sinnen genießen.

 Das neue Schloss Tettnang ist „Schloss des Jahres 2018″. Anlass genug um am Sonntag, 17. Juni 2018 ein Schlossfest mit barocker Musik, Tanz und Spielen des 18. Jh. zu feiern. Ab 11:00 Uhr geht´s los.  http://schloss-tettnang.de/

Weitere Informationen zu Führungen, Eintrittspreisen und Öffnungszeiten unter: www.schloss-tettnang.de

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