Von Casablanca nach Rabat. Ein Kurztrip zwischen Orient und Okzident.

Vergeblich suchten jedes Jahr weitgereiste Filmliebhaber in Casablanca nach Spuren des gleichnamigen Films. Schnell drängt sich einem der Verdacht auf, dass dieser beliebte Klassiker nur ein Produkt der Hollywoodstudios ist.

Humphrey Bogart, Ingrid Bergman und das damalige Filmteam waren nie für Dreharbeiten in Casablanca und auch jene legendäre Bar, die im Film vom zynischen Amerikaner Rick Blain betrieben wird, existierte nur als Filmkulisse. Grund genug für eine geschäftstüchtige Amerikanerin Ricks Café endlich dort zum Leben zu erwecken wo Alle danach suchen – in der Altstadt von Casablanca. Mann über Bord ist heute auf einem Kurztrip in Casablanca und Rabat unterwegs und berichtet von den beliebtesten Sehenswürdigkeiten.

Marokko, ein Land an der Schwelle zwischen Orient und Okzident, polarisiert mit seinen Gegensätzen und erschließt sich nur demjenigen, der sich auch darauf einlässt.

„Marokko liefert sich nicht aus, man muss es sich selbst suchen.“ Tahar Ben Jelloun

Fernab der touristischen Hochburgen begeben wir uns heute an der nördlichen Atlantikküste auf Entdeckungsreise. Es ist noch früh am Tag als wir unsere Rundreise am größten Hafen Nordafrikas beginnen. Geprägt vom französischen Kolonialismus, ist Casablanca heute eine moderne Wirtschaftsmetropole, Messe- und Universitätsstadt.

Das Stadtbild wirkt auf den ersten Blick eher unattraktiv und keineswegs wie aus 1.000 und einer Nacht. Breite Boulevards, moderne Hochhäuser und hier und da eine Stadtvilla im französischen Stil der 30er Jahre. Es gibt nur wenig alte Bauwerke und, abgesehen von der Moschee Hassan II, keine großen touristischen Attraktionen. Dennoch ist Casablanca die „Traumstadt“ aller westlich orientierten Marokkaner und Treffpunkt der Upper Class des Landes. Viele Wohlhabende besitzen im luxuriösen Vorort Anfa Villen und Paläste und vergnügen sich in den edlen Discos und Restaurants entlang des Boulevard de la Corniche.

Trotz all dieser Vorzüge ist Casablanca aber auch eine arme Stadt.. Der Kontrast zwischen Arm und Reich fällt vielerorts ins Auge und existiert oft Tür an Tür – nur getrennt durch eine Mauer. Im Umkreis der Innenstadt zeugt ein breiter Slumgürtel von der wirtschaftlichen Notlage und den sozialen Problemen der stetig wachsenden Unterschicht.

Casablancas Top-Attraktion befindet sich direkt am Hafen. Die Moschee Hassan II ist ein Bau der Superlative und zählt zu den größten Moscheen der Welt. Der gesamte Komplex umfasst eine Größe von 9 ha. Neben dem Gebetshaus gehören auch Schulen, Hammams, ein Museum für marokkanische Geschichte, Konferenzräume und eine Bibliothek zum Areal. Kunstvolle arabische Ornamentik dekoriert das 200 m hohe Minarett, das von drei massiven (3.700 kg) Goldkugeln gekrönt wird. Ein grüner Laser strahlt Nachts von dort Richtung Mekka. Der Gebetssaal bietet Raum für 20.000 Gläubige, weitere 80.000 finden auf einer Gebetsplattform außerhalb Platz.

Der König hat sich mit diesem Bauwerk nicht nur ein Denkmal gesetzt, auch das Finanzierungsmodel weist gewisse Spitzfindigkeiten auf. Neben Staatsmitteln wurde jeder Gläubige Moslem mehr oder weniger freiwillig zu einer Spende verpflichtet um das Monumentalwerk zu finanzieren. Beeindruckend, in vielerlei Hinsicht.

Wir setzen unsere Tour fort und fahren mit dem Bus auf der Autobahn A1 in die nördlich von Casablanca gelegene Hauptstadt Rabat (90 km). Diese liegt zwischen der Ufermündung des Bou-Regreg und dem Atlantischen Ozean und zählt heute um die 1,3 Mio Einwohner. Als Wirtschaftsmetropole nicht ganz so modern wie Casablanca, aber für den Reisenden um einiges attraktiver, besticht die Hauptstadt mit Sehenswürdigkeiten aus der islamischen und französischen Kolonialzeit. Rabat ist eine moderne Hauptstadt mit historischem Kern, der seit 2012 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Es sollte die größte Moschee der islamischen Welt werden, doch die fast fertigen Bauten wurden 1755 von einem Erdbeben zum größten Teil zerstört. Die Überreste sowie das Wahrzeichen Rabats – der Hassanturm und das Mausoleum von Mohamed V – stehen heute zur Besichtigung an. Die gesamte Anlage ist von einer dicken Mauer mit Wehrtürmen umgeben. Berittene Soldaten in traditionellen Uniformen bewachen das kleine Tor, durch das man ins Innere der weitläufigen Anlage gelangt. Der Turm und die dazugehörige Moschee wurden Ende des 12. Jh. in Auftrag gegeben und im romanisch-byzantinischen Stil erbaut. Ähnliche Stilelemente finden sich z. B. auch in der Giralda in Sevilla.

Am anderen Ende der Anlage wurde zu Ehren von Mohammed V ein prachtvolles Mausoleum errichtet. Der damalige Sultan und König von Marokko (1909-1961) setzte sich maßgeblich für die Unabhängigkeit Marokkos von den Kolonialmächten Frankreich und Spanien ein. Das Mausoleum wurde zwischen 1961 und 1967 errichtet und ist aus edlem weißem Marmor gefertigt. Breite Treppen führen durch Hufeisenbögen zu den Eingangspforten, welche Tag und Nacht von der königlichen Leibgarde in altmaghrebinischen Uniformen bewacht werden.

Der in den Boden eingelassene Grabraum kann von einer umlaufenden Galerie besichtigt werden. Das Prunkstück ist jedoch die Kuppel aus Zedernholz und Gold. Die Wände sind mit 1.200 qm Mosaik belegt. Mehr als 20.000 Steine wurden von Hand verlegt und mit bronzenen Lampen kunstvoll beleuchtet. Der Eintritt ist auch für Nichtmuslime gestattet und kostenfrei.

Wir setzen unsere royale Entdeckungstour fort und fahren in die Neustadt zum Palais Royal. Viele moderne Bauten und großzügige Gartenanlagen befinden sich im Regierungs- und Universitätsviertel rund um den Königspalast. Der Bus hält an einem großen Versammlungsplatz, dem Mechouar. Dieser wird von der Es Sunna Moschee auf der einen und von den Mauern des Königspalastes auf der anderen Seite eingerahmt. Eine Besichtigung ist heute nicht möglich, da der König anwesend ist.

 

Dennoch besteht die Möglichkeit, der Ablösung der Palastwachen zu beobachten – dieses Spektakel wiederholt sich im Übrigen alle 2 Stunden.

Es wird Zeit sich der marokkanischen Küche zu widmen. Wir fahren in die Medina von Rabat, genauer gesagt in ein Riad. Von Außen eine unscheinbare Fassade, betritt man durch eine kleine Tür ein typisch-marokkanisches Stadthaus mit landestypischer Innenausstattung. Das Restaurant „Dar Rabatia“ erstreckt sich über mehrere Etagen und ist um einen Innenhof angeordnet. Die Wände sind mit Teppichen, Schnitzereien und Messinglampen dekoriert. Bequeme Sitzecken laden zu einem typischen Mittags-Mal ein. Es gibt Hühnchen-Tajine mit Oliven, verschiedene Salate, Fladenbrot und zum Abschluss frische Früchte. Einfach und gut!

Tajine, Tagine oder auch Taschiin bezeichnet sowohl das gekochte Gericht, als auch ein rundes Schmorgefäß mit konisch-spitzem oder gewölbtem Deckel. Ursprünglich aus dem nordafrikanischen Bereich stammend, hat die Tajine in den letzten Jahren auch Einzug in europäische Küchen gehalten. Die übereinandergeschichteten Zutaten werden durch die spezielle Konstruktion des Topfes schonend (im eigenen Saft) gegart und erhalten dabei einen intensiven Eigengeschmack. In der nordafrikanischen Küche werden sowohl deftige Gerichte mit Fleisch und Fisch als auch Süßspeisen in der Tajine zubereitet. Zum Servieren wird die Tajine auf den Tisch gestellt und die Gäste bedienen sich direkt aus dem Keramiktopf.

Eindrucke aus der farbenfrohen Welt des marokkanischen Alltags erhält man beim anschließenden Spaziergang durch die engen Gassen der Medina (Altstadt) von Rabat. Es herrscht ein buntes Treiben, die Leute sind freundlich und für europäische Augen gibt es jede Menge Exotisches zu entdecken.

Die letzte Station unserer kleinen Rundreise ist die prächtige Kasbah des Oudaia. Die Festung aus dem 12. Jh. wurde ursprünglich als Wehrburg erbaut und thront auf einem Felsen über der Altstadt. Zugang verschafft man sich am besten durch das repräsentative Tor Bab el Oudaia, das mit reichen Verzierungen geschmückt ist. Dahinter verbirgt sich ein Andalusischer Garten, den die Franzosen im 17. Jh. anlegt haben – eine Oase der Ruhe mit üppiger Vegetation und exotischer Blütenpracht.

Im westlichen Teil der Kasbah streift man durch enge verwinkelte Gassen mit blau-weiß verputzten Häusern. Die Blau-violette Farbe „Tekhelt“ geht auf das Judentum zurück. Ihr Anblick soll an Gott und das Blau des Himmels und erinnern. Heute leben nur noch wenige Juden hier, dennoch ist es eine beliebte und teure Wohngegend für Künstler und Intellektuelle.

Auf einer Terrasse in Richtung des Flusses Bou-Regreg gibt es ein schönes maurisches Café, das eine wundervolle Aussicht über das Meer und die Nachbarstadt Salé bietet. Hier lassen wir unseren Kurztrip zwischen Orient und Okzident bei einem Pfefferminztee und selbstgemachtem marokkanischen Gebäck ausklingen.

Viele neue Eindrücke, Farben und Gerüche sind uns am heutigen Tag begegnet. Oft lagen überschwänglicher Luxus und bittere Armut dicht nebeneinander. Ich möchte mit einem Zitat aus dem Film Casablanca schließen, um den heutigen Tag abschließend in Worte zu fassen:

„Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber bald und dann für den Rest deines Lebens“. Humphrey Bogart

Mâs:aläma und au revoir Marokko, vielleicht sehen wir uns schon bald wieder…

_ _

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.