Kreuzfahrt zum Polarkreis

 

Der wilde Westen Islands

Hier ganz im Westen Islands sind Klima und Landschaft noch rauer als anderswo auf der Insel. Gewaltige Berge, winzige bunte Dörfer und grenzenlose Einsamkeit prägen Landschaft und Leben in dieser teils unwirklichen Kulisse. Wie eine viel-fingerige Hand ragt die Halbinsel ins Meer. Wir steuern heute den Hafen von Isafjördur an, den größten Ort der Festfjorde.

Die heutige Nacht war von unruhiger See und Stürmen geprägt. Der morgendliche Blick aus dem Fenster ist wenig vielversprechend. Die Landschaft rau, die Hänge ringsum tief verschneit und der Himmel mit dunklen Wolken verhangen. Der Wetterumschwung ist wohl den Meisten ein wenig auf den Magen geschlagen. Daher freuen wir uns auf den heutigen Landgang und festen Boden unter den Füssen.

Die Überfahrt mit dem Tenderboot ist heute besonders mühsam und zeitaufwändig. Der starke Seegang birgt nicht nur beim Ein- und Aussteige-Manöver allerlei Gefahren auch die Überfahrt ist unruhig und nicht gerade ein Vergnügen.

Am Hafen – der eher einem Logistik-Terminal gleicht als einem verträumten isländischen Fischerort – herrscht zu unserer Überraschung reges Treiben. Bereits im 16. Jh. ließen sich hier Händler nieder und Isafjördur entwickelte sich zum wichtigsten Handelsplatz der Westfjorde. Mit der Industrialisierung und dem Massenfang von Kabeljau- und Klippfisch kam im 18. Jh. der Wohlstand in die Stadt. Noch heute zeugen stattliche Herrenhäuser dänischer und norwegischer Kaufläute von den goldenen Zeiten. Der Ort ist klein, charmant und mit viel Gemütlichkeit und Freundlichkeit ausgestattet. Um den Widrigkeiten des Wetters zu trotzen sind die Häuser aus einer robusten Wellblech Konstruktion errichtet und mit farbenfrohen Anstrichen versehen. Sogar die Fortbewegungsmittel sind hier größer und robuster als in unseren Breitengraden und erinnern an amerikanische Monster-Trucks mit imposanter, mannshoher Bereifung.

Beim genaueren Hinsehen offenbart sich eine architektonische Vielfalt, die einen bunten Stilmix der letzten 250 Jahre auf engstem Raum abbildet. Nette Einkaufsgelegenheiten und gemütliche Cafés bieten köstliche, selbstgemachte Kuchen und Torten an und laden zum Entspannten Plausch mit Einheimischen ein. Es ist verblüffend, wie sich die Einheimischen an die harten Lebensbedingungen angepasst haben und der Einsamkeit mit guter Laune und einem Lächeln trotzen. Zwar ist der Tourismus auch hier angekommen, dennoch wird man als Gast noch sehr freundlich empfangen und wertgeschätzt. Das Wetter hat etwas aufgeklart und auf den Hügeln rund um die Stadt blüht ein Meer aus lilafarbenen Lupinien – ein Schauspiel, dass wir uns näher ansehen möchten bevor wir zu einer Erkundungstour ins Hinterland starten. Ein schmaler Weg führt auf ein kleines Plateau oberhalb der Stadt und bietet einen wunderbaren Ausblick auf den Fjord und die geschützte Hafenbucht.

Eine junge Isländerin im dicken Islandpullover wird uns heute Nachmittag zu einer Tour in die nähere Umgebung begleitet. Mit dem Bus geht es erst einmal hoch in die Berge über einen Pass, wo offensichtlich vor kurzem noch dem Skisport gefrönt wurde. Die Liftanlagen sind bis Anfang Juni in Betrieb und erfreuen sich bei Besuchern und Einheimischen großer Beliebtheit. Die Landschaft ist fesselnd – irgendwie magisch und bedrohlich zugleich! Schneebedeckte Berge, grüne Wiesen und Einsamkeit so weit das Auge reicht. Ziel der ersten Etappe ist der Botanische Garten von Skrudur. Mitten im Nirgendwo hat sich, am Fuß eines hohen Basalthügels, Jemand einen Traum erfüllt und ein eingezäuntes Kleinod der Gartenkunst geschaffen.

Hier werden Blumen und Pflanzen kultiviert, die selbst in diesen Breitengraden prachtvolle Blüten und Früchte entwickeln. Durch ein Portal aus zwei Waal-Rippen betritt man die kleine Gartenanlage. Bereits 1909 wurde dieses ambitionierte Projekt ins Leben gerufen und bis heute, durch die Unterstützung der Kommune, fortgeführt.

Wir setzten unsere Reise durch diese unwirkliche Landschaftskulisse fort und kommen in den winzigen Fischerort Flatery, wo einst der Haifischfang das Leben der Bewohner prägte. Wer die Einsamkeit sucht ist hier goldrichtig. Wettertechnisch zeigt sich der Arktische Sommer gerade in seiner besten Seite. Kalte Winde und dicke Regenwolken ziehen über den Bergwipfeln auf und verbreiten eine mehr als ungemütliche Stimmung.

Die Isländer sind ein sangesfrohes Volk und blicken auf eine sehr lande Tradition der Gedichte und Verse zurück. Eine junge Musikstudentin trägt heute für uns, in der Kirche von Flatery, isländische Volkslieder vor und erzählt etwas über die Mythologie und Entstehung dieser Lieder. Anschließend besuchen wir die alte Buchhandlung von Flatery, welche vor über 130 Jahren vom Kaufmann und Reeder Begur Rosinkranzson gebaut und 1909 zu einem Kolonialwarenladen erweitert wurde. Heute wird es als Museum geführt. Alte Fotos, Bilder und Bücher erzählen von Leben und Fischfang um die Jahrhundertwende. Eine ungewöhnliche Zeitreise in einer ungewöhnlichen Umgebung.

Eine überaus nette Geste wird uns noch durch eine Einladung zu Kaffee und selbstgebackenem Kuchen im Gemeindezentrum zu Teil.

Draußen hat es sich mittlerweile eingeregnet und irgendwie freut sich nun Jeder auf einen gemütlichen Abend an Bord. Für die heutige Nacht und die kommenden Tage wurde soeben eine Sturmwarnung rausgegeben. Über evtl. Unannehmlichkeiten werden wir informiert sobald die Lage besser abzuschätzen ist. Müssen wir etwa um den Landgang in Reykjavik morgen bangen …

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