Mit dem Schiff durch den Baltischen Sommer

 

Sie ist der Juwel der baltischen Krone und Russlands europäischste Stadt – das elegante St. Petersburg war Zar Peters Fenster in den Westen und Hauptstadt des Russischen Kaiserreiches. Die historische Innenstadt mit ihren 2.300 Palästen, Prunkbauten und Schlössern gehört zum Weltkulturerbe  der UNESCO und wird in dieser Hinsicht nur noch von Venedig übertroffen. Weltruhm genießen auch die St. Petersburger Kunstsammlungen, Theater, Ballett und Musik. Die nördlichste Millionenstadt der Welt wurde 1703 von Peter dem Großen auf Sumpfgelände nahe dem Meer gegründet um Russlands Zugang zur Ostsee zu sichern. Im Laufe einer bewegten Geschichte wechselte die Stadt mehrmals ihren Namen: Petrograd (1914-1924) und Leningrad (1924-1991) zu Ehren von Lenin dem Gründer der Sowjetunion.

Doch nun genug der Theorie, die Praxis ruft! Es ist sehr früh am Morgen. Der Hafen liegt relativ weit außerhalb der Stadt. Man hat uns schon vorgewarnt, dass das Einreise frustrierend und zeitaufwändig sei – die Gerüchte bestätigten sich auch sogleich. Mehr als eine Stunde brauchte unsere Gruppe um das Prozedere zu durchlaufen. Wer einen Landausflug über die Reederei bucht benötigt für die Einreise nur einen gültigen Reisepass um ein Touristenvisum zu erhalten. Wer selbst an Land gehen möchte muß sich vorab ein Visum über die Botschaft organisieren (kostenintensiv).

Eine gut gelaunte, gestandene russische Frau namens Katherine erwartet uns schon am Bus, Sie ist unser Tourguide für heute. Es ist gerade mal kurz nach 08:00 Uhr und die Stadt schläft noch als wir an der Newa entlang Richtung Innenstadt fahren. Während das Stadtbild am Hafen aus eintönigen Plattenbauten besteht, wandelt sich die Struktur der Gebäude zusehends. Stuck verzierten Fassaden, großzügige Plätze und prachtvolle Paläste prägen nun das Bild der historischen Innenstadt. Katherine verteilt kleine Zettel mit undefinierbarer, russischer Aufschrift und einer Telefonnummer. „Für den Fall dass Jemand von verloren geht, bestohlen oder entführt werden sollte, lacht Sie …“!

Übrigens, wir haben die „Ganztagestour“ gebucht also stellen Sie sich auf einen längeren Artikel ein. Die Skyline der Peter-und-Paul Festung mit ihrer hohen, vergoldeten Turmspitze zeigt sich am gegenüberliegenden Ufer. Unser erster Stopp führt uns in den nördlich gelegenen Stadtteil Petrogradskaja. In der Kathedrale der Festung liegen übrigens die Mitglieder der Zarenfamilie begraben. Aber uns Ziel ist das Symbol der Oktoberrevolution: Das Museumsschiff Aurora liegt gleich vis-a-vis der Kadettenakademie. Den Analen der Revolution zufolge gab Panzerkreuzer Aurora am Abend des 07. November 1917 um 21:40 Uhr aus ihrer Bugkanone den Startschuß für den Sturm auf den Winterpalast, dem damaligen Sitz der provisorischen Regierung in St. Petersburg durch die Bolschewiki. In Russland eine Art Nationalheiligtum und beliebtes Ziel für Touristen. Zu sehen sind die Quartiere der Besatzung, eine Ausstellung über die Geschichte und natürlich die berühmte Kanone (kostenpflichtiger Eintritt).  Am anderen Ufer der Newa kann man schon die schier endlose Barock-Fassade der Eremitage sehen – doch dazu später mehr. Das weltberühmte Palastufer beeindruckt mit seinem gewaltigen Ausmaßen, den aristokratischen Palästen und kunstvollen Kanalbrücken.  Der 2 km lange Granitkai verläuft vom Senatsgebäude bis zum Sommerpalast Peters des Großen. Das Herzstück des Viertels bildet der belebte Isaaksplatz mit seiner majestätischen Kathedrale. Sie ist eine der größten Kathedralen der Welt und ihre Konstruktion eine Meisterleistung. Tausende Baumstämme wurden in den sumpfigen Untergrund getrieben um den 300.000 Tonnen Kolos zu tragen. Die prachtvollen Kuppel, die so wunderbar in der Morgensonne glänzt, ist mit 600 kg purem Gold verziert. Zahlreiche Kunstwerke aus dem 19. Jhd. zieren das Innere.

Gleich nebenan steht Falconets´ großartiges Standbild von Peter dem Großen, dessen Pferd mit seinen Hufen die Schlange des Verrats zertritt. Über 12 Jahre arbeitete der Franzose an dem von Katharina der Großen in Auftrag gegebenen Werk. Alleine der Sockel, aus einem einzigen Granitblock gehauen, wiegt mehr als 1.600 Tonnen. In Alexander Puschkins epischem Gedicht „Der Eherne Reiter“ erwacht die Bronzestatue zum Leben und jagt den Helden der Erzählung durch die dunklen Straßen:   Das Programm ist dicht gedrängt und der Bus wartet schon auf uns. Wir fahren zum Platz der Künste an dem einige führende kulturelle Einrichtungen liegen.  Unser Augenmerk liegt auf der Erlöserkirche (1883). An der Stelle, an der Zar Alexander II. 1881 ermordet wurde entstand diese opulente und farbenprächtige Gedenkstätte. Die neo-altrussische Fassade ist über und über mit goldenen Mosaiken, Emailschmuck und Marmorreliefs geschmückt. Wir befinden uns im Stadtviertel Gostiny Dwor, dem kapitalistischen Herz der Stadt. Nur ein paar Meter von der Kirche entfernt liegt die berühmteste Straße Russlands: Der 4,5 km lange Newski Prospekt ist Hauptdurchgangsstraße und prachtvoller Boulevard mit unzähligen Geschäften, Restaurants und Kaufhäusern. Und das ist auch schon das Stichwort für unseren nächsten Zwischenstopp.

Ein Shopping-Erlebnis der Extraklasse wartet auf uns! Bereits die Fassade dieses Konsumtempels lässt nichts Gutes ahnen und unsere Vermutung wird bei Betreten des Ladens bestätigt.  Aber, es gibt Vodka zur Begrüßung, den man natürlich auch gleich käuflich erwerben kann/soll. Im Inneren strotz es nur so vor russischem Kitsch – sogenanntem „Kunsthandwerk“. Qualität und Herkunft dieser Artikel sind für meinen Geschmack eher kritisch einzustufen: Ikonen, Fabergé-Eier, Lackarbeiten, Matrijoscha-Puppen. Die Waren stapeln sich bis unter die Decke, die Auswahl ist enorm! Auf großes Interesse stoßen sowjetische Folkloreartikel wie Anstecker mit Sichel, Pelz-Mützen und Ledergürtel der Roten Armee. Also ich find hier nix. Der Shoppingfrust wird noch mit einem letzten Vodka herunter gespühlt (Nastrowje!) und wir verlassen den Laden so wie wir ihn betreten haben.

Es wird Zeit für ein echtes russisches Mittagessen! Was isst man denn in St. Petersburg außer Kaviar und Blini? Die Küche ist vielseitig geprägt. Europäische und arabische Einflüsse, Deftiges und Würziges stehen normalerweise auf dem Speiseplan. Ein im Souterrain gelegenes Gasthaus erwartet uns bereits. Am Eingang steht eine Folkloregruppe mit bunten Gewändern und Schnauzbart à la „Dschingis Khan“ Spalier. Die Tische sind bereits eingedeckt mit Wasser und einer kalten Vorspeise. Eine rätselhafte Kombination aus Kaviar mit Blinis und einer Art überbackener Gemüseauflauf. Für Kreuzfahrer der Premiumklasse leicht gewöhnungsbedürftig aber essbar.  Glücklicherweise wird ein Gläschen Krimsekt gereicht – das Highlight des Menus! Gefolgt von „Bjow Straoganow“ (Sautierte Rindfleischstreifen in Sauerrahmsauce mit Zwiebeln und Pilzen) das leider auch nur das Prädikat „OK“ verdient. Dafür ist Folkloregruppe mit großem Eifer bemüht einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Mit dem Alkoholpegel steigt die Stimmung proportional im Lokal. Es wird geklatscht, geschunkelt, das Publikum tobt. Das kulinarische Erlebnis findet mit einem kuchenähnlichen Dessert seinen glorreichen Abschluß. Zeit um aufzubrechen. Mein persönliches Highlight des Tages wartet – die Eremitage

Der beeindruckende Bau des berühmtesten Museums der Welt befindet sich am Ufer der Newa. Bartolomeo Rastrelli´s barocker Winterpalast (1754-62) war bis zur Revolution die offizielle Residenz der Zarenfamilie. Durch den Anbau der Kleinen und der Neuen Eremitage entstand 1852 die Große Eremitage, die unter Nikolaus I. als Museum eröffnet wurde. Katharina die Große erwarb während ihrer Regentschaft einige der besten Kunstsammlungen Westeuropas. Gemälde von Rembrandt, Cranach d. Ä., da Vinci, Gauguins, Matisse, Picasso, geschliffene Edelsteine, über 10.000 Zeichnungen, Silber und Porzellan, u.v.m.. Nach der Revolution kamen durch die Verstaatlichung von privatem und zaristischem Besitz weitere Werke hinzu. Die Eremitage wurde damit zu einem der führenden Museen der Welt.

Die Bandbreite der Exponate erstreckt sich heute von der Prähistorie über die Antike, orientalische und russische Kunst, die Renaissance und den Barock bis hin zur europäischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Doch lassen Sie mich eines vorausschicken: ein halber Tag ist definitiv zu kurz! Im Eiltempo schleust Katherine uns durch prachtvolle Ausstellungshallen, Loggien, Prunksäle und Salons, die einst von der Zarenfamilie bewohnt wurden. Hier wurden definitiv keine Kosten und Mühen gescheut Macht und Reichtum des zaristischen Russlands zu demonstrieren. Weitere Worte wären an dieser Stelle nicht aussagekräftig genug, daher möchte ich einfach Bilder sprechen lassen.

Wir verlassen das Museum und werden von einem optischen Superlativ überrascht. Vor uns liegt der majestätische Schloßplatz. Er wird von der Fassade des Winterpalastes, der Admiralität und den elegant geschwungenen Flügeln des Generalstabsgebäudes umrahmt. Der Platz wird von einer 600 Tonnen schweren, roten Granitsäule in im Zentrum des Platzes beherrscht. Sie ist Zar Alexander I. für seine Verdienste beim Triumph über Napoleon gewidmet. Ein ereignisreicher Tag geht dem Ende zu. Als krönender Abschluss besteht noch die Möglichkeit ein Chor-Konzert im historischen Saal der staatlichen akademischen Glinka-Kapelle direkt neben der Eremitage zu besuchen. In festlichem Rahmen tragen junge Nachwuchskünstler einige russische Werke vor. Für alle Klassikfans sei nebenbei erwähnt: in diesen heiligen Hallen wurde 1824 Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“ uraufgeführt.

Ehrfürchtig und auch etwas müde von den vielen neuen Eindrücken verabschieden wir uns für heute von St. Petersburg und machen uns auf den Weg zurück zum Schiff.

 

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